Mein Einsatzort heißt China Kichá und befindet sich im Süden der langgestreckten Provinz San José im Kanton Pérez Zeledón. Dort werde ich eingesetzt und bin quasi die Freiwillige für alles und jede/n, die oder der Hilfe gebrauchen kann, sodass ich selbst so viel wie möglich vom Leben in einem indigenen Territorium – in diesem Fall dem der Cabécar – mitbekommen kann.
Dieses erlangte Wissen kann ich anschließend in Deutschland als Multiplikatorin weitertragen.
Fortsetzung:
Eines Sonntagabends kam ich, voller durchgeschwitzter Klamotten und mit freudig klopfendem Herzen, bis obenhin bepackt in meinem neuen Projekt in China Kichá an. Ich hatte eine Tagesreise aus der Hauptstadt San José hinter mir, die sich vor allem durch die vielstündige Wartepause auf den letzten lokalen Bus zog, der mich direkt ins 200-EinwohnerInnen-Dorf fuhr. Als letzte Passagierin taumelte ich, beladen mit all meinem Gepäck, hinaus, bedankte mich beim Busfahrer, und mir fiel als Allererstes der belustigende Glucks-Gesang exotisch klingender Kröten auf.
Da ich meine Gastmutter nicht mehr erreichen konnte, schaute ich mich verloren um: Vor dem kleinen Supermarkt saß im Dunkeln eine lange Reihe lautschwatzender Jugendlicher, die mir zwischen viel Gekicher „How are you“-Englischfetzen zuriefen. Ich schwankte zwischen den Gedanken: Hier hat niemand einen blassen Schimmer, wer ich bin – alle fragen sich sicher: „Was macht die verirrte Touristin hier?“ – und: Jede einzelne Person in diesem kleinen Ort weiß haargenau, um wen es sich bei mir handelt, und genau deshalb ruft die Gruppe Kinder auch etwas, das wie mein Name klingt. So oder so: Ich amüsierte mich köstlich über meine Situation.
Es freute mich, dass der Altersdurchschnitt augenscheinlich weitaus niedriger war als in meiner Studierendenstadt in Ostdeutschland. Außerdem konnte ich mich in dem Moment selbst nicht ganz ernst nehmen und fühlte mich irgendwie wie das verwöhnte Stadtkind schlechthin – mit Starallüren (z.B. durch meine Gitarre) und meinem klobigen, knalltürkisfarbenen Koffer – als sei ich einem Coming-of-Age-Film entsprungen, in dem jemand ein neues Leben im Grünen beginnt, zu Beginn allen anderen eher als Belustigung dient und wie ein Alien gemustert wird.
Bereits auf dem Weg zu meinem Projekt fühlte ich mich unglaublich euphorisch und voller unbändiger Neugier, gemischt mit Aufregung. Heute sollte ich den neuen Ort kennenlernen, der für ein ganzes Jahr mein Zuhause sein wird – und auch meine Gastfamilie.
Meine Gastmutter kam mir die letzten Meter vor dem Haus eilig entgegengelaufen, entschuldigte sich und meinte, sie habe erst 20 Minuten später mit mir gerechnet – der Bus sei wohl früher angekommen als gewöhnlich. Das war aber kein Problem, denn der schweigsame Nachbarssohn hatte mich bereits zum Haus geführt.
Dort angekommen, trat ich in ein buntes, volles Wohnzimmer, in dem sich ein halbes Dutzend Personen angeregt unterhielten. Die Stimmung war blendend, und ich fühlte mich sofort wohl. Im Eiltempo wurden mir meine Gastgeschwister vorgestellt, und ich freute mich sehr, dass alle ungefähr in meinem Alter waren. Es war mir auch ganz recht, dass ich nicht im Mittelpunkt stand und überraschend wenig Aufmerksamkeit auf mir lag. Die Begrüßung war angenehm herzlich und sehr unaufdringlich.
Man zeigte mir mein Zimmer und sagte mir, ich solle mich erst einmal ausruhen. Zum Glück hatte ich keinen Hunger, sonst hätte ich mich überwinden müssen, nach Essen zu fragen. Ich war leicht irritiert, da ich es fast als eine Art Aufforderung verstand, in meinem Zimmer zu bleiben – aber andererseits war es mir nach dem langen Reisetag auch ganz recht, direkt meine Ruhe zu haben. Ich sagte mir, dass ich ja noch genug Zeit haben werde, meine Gastfamilie näher kennenzulernen.
Ich spannte mein Moskitonetz auf und lauschte den Gesprächen durch meine hellhörige Tür, die man nur anlehnen kann – und stellte erleichtert fest, dass Spanisch gesprochen wurde. Natürlich fände ich es schön, wenn die Kultur noch so stark erhalten wäre, dass die indigene Sprache Cabécar im Alltag noch im Gebrauch wäre. Es macht mich traurig mitzubekommen, wie sehr die Cabécar-Sprache vom Aussterben bedroht ist. Andererseits ist der Vorteil für mich persönlich, dass ich bessere Chancen habe, mein Spanisch zu verbessern, weil ich so viel davon umgeben bin.
Als ich vor einiger Zeit zwei Wochen in der Nähe von Barcelona als Freiwillige gearbeitet habe, konnte ich den Gesprächen am Abendessenstisch kaum folgen, weil ausschließlich Katalan gesprochen wurde. Für mich ist es insgesamt eine riesige Ehre und ein großes Privileg, ein ganzes Jahr in einer indigenen Community verbringen zu dürfen – mit der Zeit, Bekanntschaften zu schließen, und zwar nicht nur oberflächlich, sondern mit der Chance, tiefer in die Kultur einzutauchen. Ich freue mich darauf, einen ganzen Jahreszyklus mitzuerleben – inklusive Regen- und Trockenzeit und allen Reife-Phasen der lokalen Pflanzen und ihren Früchten.
